Mathe und Physik zweidimensional
Faszinierend! Vor fast 30 Jahren hat mich das Thema Fotografie gefesselt. Damals hatte ich kein Geld. Heute ist dies das kleinste Problem. Gerade in den letzten 10 Jahren habe ich mich bei dem Thema weitergebildet. Neben den technischen Feinheiten von Kamera und Glas spielt die Beziehung unter einander eine große Rolle. Um Kameras und Objektive zu verstehen, gibt es unfassbar wichtige Regeln, die es zu beachten gilt. Brennweite existiert zwei mal. Während bei Kompaktkameras die Brennweite immer im Kleinbild äquivalent angegeben wird, werden bei Systemkameras immer die physikalische Brennweite angegeben. Klingt verwirrend? Ohh jaa! Und dem kann man nur mit physikalischem Verständnis und Mathe beikommen.
Das Mysterium der Zahlen
Alles spielt bei Kameras und Objektiven eine Rolle. Zum Bespiel der Durchmesser des Sensors. Dieser Parameter bestimmt so unglaublich viel. Und jeder Fotograf muss die Entscheidung treffen, welche Eigenschaften ihn am wichtigsten sind. Am einfachsten macht man sich das, in dem man den Wert des Crop-Faktors berücksichtigt. Bei Systemkameras gibt es einige Crop-Faktoren. Der begehrteste ist Crop-Faktor 1. Dies entspricht dem Kleinbild-Sensor (umgangssprachlich Vollformat). Die bekanntesten sind Crop-Faktor 1,5/1,6 und entspricht dem Sensor APS-C (DX). Der Underdog ist Crop-Faktor 2 und ist der des MFT (Micro Four Third). Seit einer Dekade gilt der MFT als kleinster Sensor. Und dieser Crop-Faktor ist immer ein Parameter, um sich den Bildausschnitt vorzustellen. Ein 50mm Objektiv sind bei Kleinbild 50mm. Will ich aber einen Ausschnitt eines 50mm Bildes haben, besitze aber eine APS-C Kamera, benötige ich in etwa ein 30 bis 35mm Objektiv (50mm / 1,5 = 33mm). Bei einer MFT währen das hingegen 25mm (50mm / 2 = 25mm).
Bei Kompaktkameras hingegen muss nicht gerechnet werden. Den wenigsten Nutzern spielen solche Parameter keine Rolle. Man nimmt die Kamera, sucht sich den Bildausschnitt, den man will und drückt ab. Bei Systemkameras hat man als Nutzer aber immer eine Entscheidung zu treffen. Ist ein bestimmter Bildausschnitt überhaupt möglich? Nutze ich das richtige Glas? Wenn man Portraits schießen möchte, bringt einem ein 200mm Teleobjektiv nichts! Oder Ultra-Weitwinkel! Benutze ich auf einer Vollformat eine 85mm Festbrennweite, kann ich damit Portraits fotografieren. Würde ich dieses Objektiv auf eine MFT Kamera schnallen, würde dies aber ein 170mm Ausschnitt zur Folge haben. Das ist schon ein Tele. Dann ist man zu weit vom Geschehen weg. Und schon haut einem der nächste physikalische Problem in die Ferse. Man benötigt ruhige Hände und eine kurze Verschlusszeit. Stellt euch den Sensor wie eine Art Drehpunkt und stellt euch bildlich den Abstand zwischen Kamera und Motiv wie ein Besenstil vor. Je länger dieser Besenstil ist, um so stärker werde die Bewegungen im Motiv, da die Bewegungen sich bereits am Drehpunkt entfalten. Je kürzer belichtet wird, umso sauberer ist das Bild.
Und dann gibt es noch die Blende (Aparture). Diese gibt im Grunde den Öffnungsfaktor der Blende an. Auch hier wird immer der Faktor genommen und nie der Durchmesser der Blende. Denn der Faktor selber ist von der Brennweite abhängig. Und wenn ein Objektiv 500mm Brennweite und Blende 1.0 hat, würde rechnerisch bedeuten, das dieses Objektiv einen Durchmesser von mindestens 50cm haben muss! Sorry aber mir so einen Trümmer gehe ich nicht auf Fotoreise! Aber es erklärt, warum Tele-Objektive in Sachen Größe und Blende beschränkt sind. Die Blende gibt an, wie viel Licht im Grunde durch ein Objektiv fällt. Hat man z.B. die Blende 2.0, ist die Lichtmenge bei jeder Kamera und Objektiv abhängig von der Brennweite etwa gleich. Aber es beeinträchtigt nicht nur die Menge des Lichts. Das Bild hat auch immer eine Schärfeebene, auf der sich alles scharf darstellen lässt. Je geschlossener die Blende, desto größer die Schärfeebene. Aber um so dunkler wird auch das Motiv. Je offener die Blender desto mehr Licht fällt durch. Aber es wird auch diffuser, weswegen die Schärfeebene abnimmt. Es gibt sogar Objektive, die den Ruf haben, bei offenblende nie scharf zu sein. Zum Beispiel die Voigtlander 0.9, die mit einem Autofokus nutzlos wären. Der könnte diese Linsen nie scharf stellen. Am Ende muss man aber diesen Parameter auch beim Crop-Faktor berücksichtigen. Denn auch bei der Ausprägung der Schärfeebene spielt der Crop-Faktor eine Rolle. Denn während MFT bei 25mm im Bereich eines Standard-Objektivs ist, sind sie bei Vollformat Weitwinkel. Und da sind die Schärfeebenen ausgeprägter. MFT ist bekannt, beim freistellen schwerer zu handeln sind.
Also viel Physik und Mathe, wa?
Und es geht noch weiter. ISO war in der analogen Fotografie ein fester Wert des Films. Dieser ist nicht mehr nötig. Allerdings kann man mit der elektronischen Schaltung eines Sensors das Verhalten von ISO nachbilden. Und das ist auch nötig, um Kameras so dynamisch wie möglich einsetzen zu können. Jeder Sensor ein ein Nativ ISO Wert, der für selbigen Vorgesehen ist. Bei meiner Lumix S5 gibt es sogar 2 native ISO Werte. Dieser muss aber eigentlich nur in Extremsituationen eingestellt werden. Entweder so niedrig wie möglich oder den nativen Wert. Das bietet in der Regel beste Qualität und weniger Farbverschiebungen. Erhöht man den ISO Wert, so wird die natürliche Eigenschaft des Sensors verstärkt, was zu weißen oder gar farbigen Rauschen führt. Deswegen nur in Extremsituationen zu empfehlen. Und auch hier gilt. Je größer der Crop-Faktor, desto früher treten negative Effekte im Bild auf. Deswegen gibt es auch MFT Kameras (im Videobereich) mit weniger Auflösung, was der Farbverschiebung und dem Rauschen entgegen wirken kann. Die Lumix GH5S oder eine Blackmagic Pocket Cinema sei hier zu nennen. Zugegeben war bis vor wenigen Jahren Panasonic was Autofokus anging, extrem schwach. Die Kontrastfeldmessung ist nicht das zuverlässigste. Aber was Panasonic schon immer gut konnte war Video! Alle meine Kameras können 4K. FullHD sogar mit 50 bzw. 60 FPS oder gar 120. Und bis auf die S5 in 4K sogar alles mit Full Sensor Readout. Und solange man nicht fürs Kino produziert und nicht jedem Vogel mit 4K Monitor hinterher läuft, ist mit jeder meiner Kameras FullHD mit 50/60 FPS möglich.
Als nächstes kommen wir zur Belichtungszeit. Auch dies ist immer wieder das finden eines Kompromisses. Je länger ein Bild belichtet wird, um so heller wird es. Aber man muss auch bedenken, das sich dann das Motiv nicht bewegen sollte. Das mündet in Bewegungsunschärfen. Belichtet man zu kurz, werden die Bilder zu dunkel. Benutzt man eine offenere Blende, ist zu wenig im Bild scharf. Versucht man etwas mit der ISO auszugleichen, kann ein Bild unscharf, detailarm und verrauscht sein. Und genau aus diesem Grund gibt es so viele Objektive, so viele Einstellungen in der Kamera und so viel Zubehör. Denn wenn ein Bild sich nicht sauber schießen lässt, hilft genau dieses weiter. Blitzgeräte, Dauerlicht, Schattenwerfer, Reflektoren, Pol-, ND- oder Farbfilter. An der Kamera oder am Stativ. Es gibt unzähliges Zubehör. Und das soll Bilder möglich machen, die eine Kamera von sich aus nicht hätte so ausnehmen können. Besonders beim Blitzen kommt wieder Mathe zum Einsatz. Denn im Gegensatz zum Dauerlicht, lädt sich beim Blitzen ein Kondensator auf und haut den Gesamten Strom in eine Halogenlampe. Und die Intensität wird nicht am Strom des Blitzes eingestellt. Sonder man stellt ein, um wie viel Zeit der Blitz verpasst wird. Denn durch den Kondensator flacht das Licht des Blitzes nicht sofort ab. Aber wenn man die Auslösung des Fotos etwas verzögert, wird das Motiv nicht überstrahlt. Ja genau. Ein Blitz muss auch speziell eingestellt werden.
Und jetzt sollte Klar sein, warum es eine Kunstform ist
Es beginnt schon bei der Wahl der Kamera. Die Wahl der Objektive. Die Wahl des Zubehörs. Und das alles zu beherrschen natürlich. Wenn man so eine kleine Kamera wie eine Lumix GX80 in der Hand hat, denkt man vielleicht, was daran so besonders ist. Aber gibt so etwas mal einem Profi in die Hand, der zeigt euch, was damit geht. Ein 30mm 1.4, ein kleiner Blitz mit Schirmreflektor. Und der zaubert euch Portraits aufs Papier, das niemand merkt, das die Kamera schon 10 Jahre auf dem Buckel hat und zudem noch eine MFT ist. Ich habe mir aus Spaß jetzt mal die GX80 mit 2 Standard Objektiven für Unterwegs gebraucht gekauft und kommt die nächsten Tage bei mir an. Denn die S5 will ich nicht für alles mitschleppen. Aber ich sehe es auch nicht, eine neue S9 für 900+ € zu kaufen und dann trotzdem die Trümmer an Glas mitzuschleppen. Damit gewinne ich auch nichts.